Von Regen, Tränen und Sonnenstrahlen

In meiner Themen-Reihe Leben, Sterben und Tod stelle ich diesmal das Kinder-Buch „Wie kommt der große Opa in die kleine Urne“ von Helene Düperthal vor.

2011 wurde ich zum ersten Mal auf die Trauerrednerin Helene Düperthal und ihr Buch aufmerksam, dass ich sofort beim Lebensweichen-Verlag bestellte. Als kurz darauf die Großmutter meiner Kinder starb, haben wir sehr intensiv darin gelesen.

Wie kommt der große Opa in die kleine Urne, Foto: Lebensweichen-Verlag
Wie kommt der große Opa in die kleine Urne? Foto: Lebensweichen-Verlag

Tim’s Großvater ist gestorben. Er hat viele Fragen, Angst und weiß nicht was er machen soll. Doch die Erwachsenen haben einfach keine Zeit für Tim. Sie sind selbst mit ihrer eigenen Trauer und den Vorbereitungen zur Beerdigung beschäftigt. Die Bärin Leila tröstet ihn. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, um Antworten zu bekommen. Sie besuchen ein Krematorium und erfahren viele interessante Dinge über die Urnenbestattung. Zum Beispiel liegt auf jedem Sarg ein kleiner nummerierter Stein, so kann die Asche nicht vertauscht werden.

Die Geschichte ist für kleinere Kinder leicht verständlich geschrieben. Mit Regen und den Tränen von Tim beginnt sie und schließt mit einem Regenbogen und Sonnenschein. Damit zeigt Helene Düperthal das ganze Kaleidoskop kindlichen Empfindens auch bei so schweren Themen wie Sterben und Tod. Das Leben geht weiter und darf kindlich unbeschwert bleiben.

Die Zeichnungen von Daniela Veit laden zum Fragen und Weitererzählen ein. Die vielen liebevoll gezeichneten Details sind ein wunderbarer Einstieg mit den Kindern über die Urnen-Beerdigung nahestehender Menschen zu sprechen.

Die Tipps im Abschnitt für Eltern, Erzieher und Trauerbegleiter haben mir sehr geholfen auf meine Kinder und ihre Trauer einzugehen. In eindringlichen und ermunternden Worten setzt sich Helene Düperthal dafür ein, Kindern ihren eigenen Weg der Trauer zu ermöglich. Kinder trauern anders!

Mit Helene Düperthal verbindet mich der Wunsch Kinderhospize zu unterstützen. Im Lebensweichen-Verlag bringt sie in Eigenregie Bücher zur Trauerbewältigung für Groß und Klein heraus. Ihr Buch „Wünschen tu ich mir … auf Mutters Einkaufsliste stand ’ne Urne„, in dem sich eine alte Dame um ihre eigene Beerdigung kümmert, habe ich letztes Jahr vorgestellt.

Interview mit Helene Düperthal

Helene Düperthal, Foto: Lebensweichen-Verlag
Helene Düperthal, Foto: Lebensweichen-Verlag

Als engagierte Trauerrednerin setzt Helene Düperthal mit Herz und Güte Tabu-Themen wie Tod und Trauer ins richtige Licht. Wir sind uns schon bei der Umsetzung einiger Projekte begegnet, dabei lernte ich sie als sehr sympathische Frau kennen.

Was war der ausschlaggebende Punkt, das Buch zu schreiben?
Ein Buch zu schreiben, daran hatte ich nie gedacht. Aber nachdem ich bereits viele Jahre zahlreiche Familien in Ihrem Abschied von lieben Angehörigen begleitet hatte und zu Beisetzungen als Trauerrednerin mit ihnen im Gespräch gewesen war, ergab es sich, dass ich wieder einmal miterleben musste, wie hilflos eine junge Mutter ihrem Kind gegegenüber saß. Der kleine Nick war vier Jahre alt und sie selbst hochschwanger. Zwei Tage zuvor war ihr Ehemann unvermittelt verstorben. Er sollte in einer Urne beigesetzt werden. Wie aber sollte sie dies ihrem Sohn erklären? Wie sollte ihr Sohn verstehen, dass der große starke Papa nun in so einem kleinen Gefäß sein würde? Wie sollte er begreifen, was selbst für sie unbegreiflich war?

Nick stellte Fragen. Er erwartete Antworten, klar und offen. Nicht mehr und nicht weniger! Antworten, die sie ihm nicht geben konnte, da sie sie selbst nicht kannte. Sollte sie ihm lieber später erst alles erklären? Wann später? Es war eine Situation, wie ich sie immer wieder erlebt hatte. Das war der entscheidende Impuls für mich, ein Kinderbuch zu schreiben, dass genau hier helfen konnte.

Wie wird das Buch in der „Bestattungs-Szene“ aufgenommen?
Sehr gut, besonders seit es die überarbeitete Softcover-Version gibt. Das Buch liegt bei vielen Bestattern aus, wird verliehen oder als Geschenk weitergereicht. Als Autorin werde ich bei zahlreichen Bestattern zu Lesungen an Tagen der offenen Tür oder Geschäftsjubiläen, Themenabenden und ähnlichen Veranstaltungen eingeladen. Das Buch ist mittlerweile sehr bekannt und gehört inzwischen zu den „Klassikern der Trauerliteratur“.

Welchen Rat haben Sie für Eltern, Großeltern, Verwandte in Bezug auf die Kinder?
Ein seitenfüllendes Thema umfasst diese Frage. Aber wenn ich es auf den Punkt bringen soll, kann ich nur sagen:

Schauen Sie Ihre Kinder an! Hören Sie ihnen zu und antworten Sie so ehrlich und offen wie möglich auf ihre Fragen. Nicht mehr und nicht weniger.

Halten Sie ihr Kind nicht von allem fern, denn gerade das Fernhalten fügt ihnen einen viel größeren Schmerz zu, da Kinder ein besonderes Gespür für die Stimmungen rund um die ihnen vertrauten Personen haben. Sie spüren die Trauer, den Schmerz und die Verzweiflung. Sie können diese Gefühle aber nicht äußern, da keiner mit ihnen redet, um sie nicht zu „belasten“. Dabei ist genau das die größte Last.

Kinder wissen intuitiv selbst am Besten, wie sie mit ihrer Trauer umgehen können, was ihnen hilft und was sie verkraften können. Ein aufmerksamer Erwachsener sollte das Kind in seinen Bedürfnissen und mit seinen Fragen ernst nehmen und ihm auf gestellte Fragen offen und ehrlich antworten. Vorstellungen und Nicht-Wissen schüren oft viel größere Ängste, als konkrete Antworten. Dabei ist es durchaus richtig, auch Unsicherheiten zu äußern und eigene Gefühle in Worte zu fassen, wenn diese von dem Kind eingefordert werden. Dem Kind muss Gelegenheit gegeben werden, seinen eigenen Weg durch die Trauer zu gehen, ohne damit allein gelassen zu werden.

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Mein Fazit: lesenswert! Ein gutes Aufklärungsbuch mit schönen Bildern, das für Groß und Klein geeignet ist.

Noch eine kleine Bitte: Bestellen Sie das Buch direkt beim Lebensweichen-Verlag, so unterstützen Sie, dass weitere Projekte umgesetzt werden können. Die großen Internet-Bestell-Shops sind für uns als Nutzer sehr bequem, doch bleiben dem Autor/Verlag nur Cent-Beträge als Verdienst.

Wie kommt der große Opa in die kleine Urne, Foto: Lebensweichen-Verlag
Wie kommt der große Opa in die kleine Urne? Foto: Lebensweichen-Verlag

Wie kommt der große Opa in die kleine Urne?
von Helene Düperthal (Autorin) und Daniela Veit (Illustratorin)
Lebensweichen-Verlag
72 Seiten
Altersempfehlung: Für Kinder ab 4 Jahre

Gebundene Ausgabe auf dieser Seite ist auch ein Youtube-Clip eingebunden

Softcover Sonderausgabe überarbeitete Ausgabe

Audio-CD: mit Hörprobe
55 Minuten

Schreiben Sie mir, ob der Beitrag für Sie hilfreich war. Auch freue ich mich über Anregungen und/oder Ihre Erfahrungen mit diesem doch sehr schweren Thema.

Ihre
Margarete Rosen

5 Gedanken zu „Wie kommt der große Opa in die kleine Urne?

  1. Pingback: Therapeutic Touch Newsletter 02/2016 «

  2. Es ist so richtig und äußerst wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Kinder mehr verstehen als ihnen zugetraut wird. Sie lernen und begreifen, auch wenn es ihnen manches Mal wehtut. Ausweichen verwirrt, fühlt zu falschen Vorstellungen.
    Es ist ebenso richtig, dass es nicht immer leicht ist, Kinderfragen zu beantworten. Wie im beschriebenen Fall. Manchmal kann es Erwachsenen helfen, sich an Situationen in der Kindheit zu erinnern, um eigenem Empfinden nachzuspüren.
    Dein unterstützender Hinweis ist wieder mal so etwas von gut, liebe Margarete!
    Danke und ganz herzliche Grüße,
    Evy

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    • Danke Evy,
      Die Tipps kann ich geben, weil engagierte AutorInnen in liebevoller Kleinarbeit diese schönen Bücher geschrieben und mit mir über ihre Motivationen gesprochen haben.
      Dir sonnige Momente
      wünscht
      Margarete

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  3. Vielen Dank für diesen Buchtipp, die einfühlsamen Worte und das interessante Interview. Ich werde das Buch weiterempfehlen.

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    • Hallo Petra,
      danke, Du weißt ja, diese besonderen kleinen Bücher benötigen Fürsprecher.
      Alles Gute sendet
      Margarete

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