Vom Schmerz seinen Zwilling zu verlieren!

In meiner Themen-Reihe „Leben, Sterben und Tod“ habe ich Ihnen bereits den Blog „meineschwestertotundichhier“ ans Herz gelegt. Heute können Sie das Interview mit der Autorin „undichhier“ lesen.

„undichhier“ ist die lebende Hälfte vom blog „meineschwestertotundichhier“. Sie erzählt dort auf sehr berührende Weise aus der Sicht des fünfjährigen Mädchens, das seine Schwester verliert und es nicht fassen kann.

Nicht geweinte Tränen!
Nicht geweinte Tränen!

Durch die Irrungen des Internets wurde meine Interview-Anfrage umgeleitet. Im Beitrag Wir Kinder und der Tod habe ich diese Steinsammlung – oder die Suche nach der verlorenen Hälfte! vorgestellt.

Mein Beitrag hat ihr gefallen und so kam das von mir gewünschte Interview doch noch zustande. Ihre Antworten sind genauso berührend wie jeder Beitrag auf Ihrem Blog. Die Autorin möchte ungenannt bleiben, was ich durch das Synonym „undichhier“ respektiere.

Interview mit „undichhier“

Was war der Anlass, diesen Blog zu starten?

Der Anlass war der 20. Todestag meiner Schwester im Februar. Ich hatte das Gefühl, ich muss nochmal etwas aus mir herausholen, bearbeiten, nach außen tragen. Da war noch so viel, was ich noch nie erzählt habe.

Für die Welt war meine Schwester ein sehr unbedeutender Mensch, sie war halt kurz hier und ist dann wieder weg, und hat nichts großartiges hier getan, gesagt oder erfunden. Es spricht heute fast niemand mehr über sie, es ist, als hätte es sie nie gegeben.

Das ist immer noch komisch für mich, denn für mich und mein Leben hat sie viel Bedeutung, für mich war sie eine Prinzessin und ich kann nicht über mich nachdenken, ohne an sie zu denken.

Die wenigsten Menschen in meinem Umfeld wissen, dass ich mal eine Prinzessinnen-Schwester hatte, und wenn ich erzähle, dass sie tot ist, sind sie kurz betroffen. Erzähle ich weiter, dass sie schwerstbehindert war, dann sagen sie so etwas wie: „Naja, dann war es eine Erlösung.“

Dafür, dass ich meine Schwester wunderbar fand, dafür, dass ich traurig darüber bin, dass sie tot ist, ist wenig Verständnis da, denn sie war ja schwerstbehindert.

Dem fünfjährigem Mädchen, das erlebt, wie seine Schwester stirbt, ist es aber egal, ob sie behindert war oder es eine Erlösung ist, es will einfach nur seine Schwester zurück, und zwar zackig. Ich will darüber erzählen, wie fein es ist, eine Prinzessin zur Schwester zu haben, und wie blöd es ist, wenn sie plötzlich stirbt, deshalb der Blog.

Deine Beiträge werden in kurzen Abständen veröffentlicht. Schreibst Du sie vor und datierst sie dann oder sind es spontane Themenfragmente, die Du niederschreibst?

Das einzelne Thema, über das ich schreiben möchte, habe ich eine Zeitlang im Kopf, ohne dass ich bewusst irgendwas damit tue. Dann ist der Moment da, und ich schreibe es einfach runter. So entsteht der Beitrag. Manchmal ändere ich noch einzelne Wörter oder Sätze, aber dann veröffentliche ich den Text meist sofort oder einen Tag später.
Ich merke, dass mir diese Art „schnelles Schreiben“ sehr gut tut, Schreiben und Loswerden. Würde ich zu lange an einem Text sitzen, würde mich das wahrscheinlich zur Zeit eher beschweren als erleichtern.

Der Blog ist für mich einfach ein Ort für Sachen wie Gefühle, Gedanken und Erinnerungen, der außerhalb meines Körpers liegt, und das Schreiben, das nach-außen-Tragen, macht mich insgesamt leichter, weil ich dadurch weniger Gepäck schleppen muss.

Verlust schmerzt!
Verlust schmerzt!

Warum schreibst Du „erst jetzt“ darüber?

Schreiben ist schon lange meine Art, mit mir selbst in Dialog zu treten. Dass ich jetzt den Blog gestartet habe, hängt damit zusammen, dass ich immer mehr merke: ich will noch einmal darüber erzählen, da ist noch etwas! Der andere Grund ist, dass ich mir erst Mut ansammeln musste, sehr viel Mut um den Blog öffentlich zu machen.

Diese „Hälftenhaftigkeit“, wie fühlt Sie sich für Dich an? Ist das ein Begriff von Dir?

Ja, ich habe den Begriff für mich erfunden, da ich keinen anderen kenne, der dieses Gefühl beschreibt.

Es ist einfach das Gefühl unvollständig zu sein, obwohl man nach außen hin vollständig ist, weshalb es auch für andere Menschen schwer nachzuvollziehen ist. Es fehlt einfach ein großer Teil, der vorher da war. Es fühlt sich an, als wäre man auseinandergerissen worden, obwohl man sich mit aller Kraft dagegen gewehrt hat. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das gehen soll, weiterzuleben, mit den Schmerzen, die diese Hälftenhaftigkeit verursacht. Man kann sich inmitten von anderen Menschen furchtbar einsam fühlen, weil einem immer ein Teil fehlt. Man fühlt sich verletzbar und unterlegen, man hat den Glauben an Sicherheiten verloren.

Das Gefühl, hälftenhaft zu sein, ist immer noch da, aber vielleicht nicht mehr so stark, weil ich mich vielleicht etwas daran gewöhnt habe, einen „gestorbenen Teil“ mit mir herumzutragen. Vielleicht muss man irgendwann ein Band nehmen und um den Umriss seines Körpers legen, auch um den fehlenden, gestorbenen Teil, und dass dann als sein ICH definieren. Vielleicht muss man, vielleicht auch nicht. Vielleicht wäre ich leichter ohne diesen Teil, aber vielleicht auch nicht ich.

Deine Erklärung, warum Deine Schwester eine Prinzessin ist, hat mich sehr berührt. Magst Du dazu noch etwas hinzufügen?

Genauer gesagt, war meine Schwester sogar eine Igel-Prinzessin, denn sie sah ein bisschen wie ein Igel aus, und ich mag Igel sehr gern. Und sie war immer sehr entspannt und geduldig. Leider kann ich mich nicht daran erinnern, ob sie irgendwelche Geräusche gemacht hat (ich glaube nicht) und wie sie sich anfühlte (wahrscheinlich sehr weich). Ich finde es wirklich sehr traurig, dass ich mich nicht gut an sie erinnern kann, und noch trauriger finde ich es, dass viele Leute an Prinzessinnen vorbeigehen, ohne sie zu bemerken.

Was hättest du Dir von den Erwachsenen konkret gewünscht?
Zur Trauerbewältigung, Erklärung des Todes Deiner Schwester, Umgang mit Dir als übriggebliebener „Halbling“.

Ich habe mich sehr allein gefühlt, als meine Schwester starb, vielleicht so, als wäre gerade nicht nur meine Schwester gestorben, sondern auch meine Eltern und irgendwie alles, woran ich geglaubt hatte, alles, was ich für sicher gehalten hatte, alle meine Pläne, alles, woran ich Freude gehabt hatte.

Ich war sehr geschockt, weil ich nie gedacht hatte, dass meine Schwester sterben könnte. Vielleicht hätte man mich darauf vorbereiten können, mit mir im Vorfeld darüber sprechen können (die Erwachsenen wussten schon seit unserer Geburt, dass meine Schwester nicht lange überleben würde).

Ich hätte mir Begleitung gewünscht, dass jemand mich gehalten hätte, mir beigestanden hätte, mit mir gesprochen und mich verstanden hätte, an dem Tag, an dem meine Schwester starb, an den Tagen danach, an ihrer Beerdigung. Vielleicht sind Eltern, die gerade eines ihrer Kinder verloren haben, nicht in der Lage für so etwas, aber vielleicht sollte es irgendjemand geben, der das übernimmt. Ich erinnere mich beispielsweise noch gut an die Beerdigung, daran, wie tief das Grab war, und wie ich dort stand und heruntergeschaut habe, und wie meine Oma mich wegzerrte vom Grab. Aber vielleicht wäre es gut gewesen, wenn mir jemand die Hand gegeben hätte und mit mir zusammen heruntergeschaut hätte, und solange mit mir stehengeblieben wäre, bis ich fertig gewesen wäre damit. Jemand, der sagt: „Das ist aber tief, oder?“ und damit in Worte fasst, was ich fühlte. Und ich sage „ja“ oder ich schweige, und es ist alles richtig. So jemand hätte ich mir gewünscht an diesen Tagen und so jemand wünsche ich auch allen anderen Kindern in einer solchen Situation. (Lesen Sie den Blogbeitrag dazu: Solange, bis ich mich wieder ganz lebendig fühle!)

Ich hätte mir Erinnerungsstücke gewünscht, dass mir jemand irgendwas aufgehoben hätte von ihr. Ich habe nur sehr wenige Erinnerungen an sie. Es gibt nur wenige Fotos und keine persönlichen Gegenstände mehr von ihr. Unter den Fotos ist zum Beispiel kein Foto, auf dem einfach nur wir zwei drauf sind, immer sind mehr Menschen darauf oder nur sie allein, aber so ein richtiges Zwillingsfoto habe ich nicht, das finde ich traurig. Ich war zu klein, um etwas aufzuheben oder gar die Tragweite zu verstehen, ich war zu klein, um mich bewusst von ihr zu verabschieden. Vielleicht fühle ich mich deshalb ein wenig so, als wäre ich um den Abschied und auch um meine Trauer betrogen worden.

Trauer dauert, halte solange meine Hand!
Trauer dauert, halte solange meine Hand!

Ich hätte mir gewünscht, dass nach dem Tod meiner Schwester über sie gesprochen wird, dass man hätte Fragen stellen und zuhören können, dass ich hätte erzählen können von meinen Empfindungen, auch zehn Jahre später noch. „Du kannst immer fragen“, sagten meine Eltern, aber ich habe selten Fragen gestellt, nie viel über sie geredet, weil auch niemand anderes Fragen stellte und über sie redete.
Ich hätte mich gefreut, wenn sich irgendwann jemand für sie interessiert hätte oder so etwas gesagt hätte: „Ich vermisse sie auch sehr.“ Wenn ich nicht so allein in der Trauer gewesen wäre. Stattdessen hörte ich so etwas wie: „Jetzt muss sie nicht mehr leiden“, und das stimmt vielleicht auch, aber das nimmt meiner Trauer doch nicht ihre Berechtigung.

Und dann die Zeit, ich hatte oft das Gefühl, es gibt eine gewisse Zeitspanne, in der du vielleicht noch traurig sein darfst, und wenn diese Zeit vorbei ist, ist es genug, egal, wie du dich fühlst.

Gibt es etwas, was Dir sehr wichtig ist, um es Eltern zu sagen?

Vieles davon, was ich bei der vorherigen Frage schon erwähnt habe: Im Dialog bleiben, Erinnerungsstücke aufbewahren.
Was ich auch immer sehr schade fand, war, dass wir nicht gemeinsam in den Kindergarten gehen konnten. Heute sollte es doch möglich sein, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam in den Kindergarten gehen.

Was möchtest Du noch erzählen?
Ich finde es sehr schön, dass ich auf meinen Blog sehr viele positive Rückmeldungen bekomme. Ich freue mich über jeden Kommentar, jede Frage, über den Austausch mit anderen, und hoffe, dass der Blog vielleicht ein wenig dazu beitragen kann, dass Kinder in solchen Situationen besser verstanden werden.

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Schauen Sie auch auf den Blog und lassen Sie sich berühren, berühren von einem kleinen Mädchen und einer jungen Frau, die ihre Hälftenhaftigkeit zu fassen versuchen.
Als etwas ganz Besonderes empfinde ich jeden einzelnen Beitrag, da sie die Sichtweise des kleinen Mädchens beschreiben. Dies habe ich so noch nirgends gefunden. Als Mutter eröffnen mir die Texte eine ungeahnte Kinder-Welt und sensibilisieren mich, noch besser zuzuhören. Und in Situationen, die ich nicht alleine bewältigen kann, mir gute und liebevolle Menschen an meine Seite zu holen, die für meine Kinder Trost und Hilfe sind.

Liebe „undichhier“, ich bedanke mich herzlich für das schöne Interview. Gerne folge ich weiterhin Deinem Blog und bin gespannt auf die neuen Beiträge.

Konnte ich Sie neugierig auf den Blog „meineschwestertotundichhier“ machen? Das freut mich!

Ihre
Margarete Rosen

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5 Gedanken zu „Wir Kinder und der Tod – Weiterleben ist möglich!

  1. Pingback: Newsletter 04/2016 «

  2. Pingback: Ein Interview | meineschwestertotundichhier

  3. Die „Igel-Prinzessin“ – ein wunderbares Bild!

    Lieben Dank für das Interview und die damit verbundene Möglichkeit ein wenig von der Igel-Prinzessin und ihrer undichhier-Schwester hier auf Erden zu erfahren. Hat mich tief berührt.

    Herzlichst
    Silke

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