Individuelle Lebensgeschichten als Weg zur heilsamen Trauerverarbeitung.

Erinnerungen Trauernder und Lebensspuren unheilbar Erkrankter läßt Anja Plechinger mit Lebenssteckbriefen und Biographien unvergänglich werden.

Genauso wie Trauer gehört Trost zum Leben, Sterben und Tod. Eine der vielen Fazetten, die uns helfen unser Leben zu gestalten. Schaue ich mir die Wortfamilie Trost an, kommen mir Worte wie trostlos, Trost spenden, tröstlich, Trostplaster, Trostpreis und Trostworte in den Sinn.
Es steckt für mich also beides in dieser Wort-Familie: hoffnungslos und Hoffnung geben. Da Trauernden Trost zu spenden auch mir nicht immer leicht fällt, habe ich mich sehr gefreut, als Anja Plechinger mit mir Kontakt aufnahm, um sich auszutauschen. Nun kann ich eine Fachfrau zum Thema TROST fragen, wie sie sich dem Thema genähert hat.

Wenn Trost durch die Kunst einen Raum erhält!

Interview mit Anja Plechinger

Anja Plechinger Foto: Anja Plechinger
Anja Plechinger
Foto: Anja Plechinger

Anja Plechinger nähert sich dem Thema Trauer mit dem Wort TROSTKUNST.

Trost, wofür steht es in unserer Kultur?
Trost ist in unserer Kultur ein vielseitig besetzter Begriff, wird in den unterschiedlichsten Lebenssituationen verwendet und kann durch ganz verschiedene Dinge erreicht werden. Immer steht Trost jedoch für die Absicht, einen Menschen aufzubauen, zu beruhigen, abzulenken oder aufzuheitern, wenn es ihm schlecht geht.

Trost, was bedeutet für Sie dieses Wort?
Für mich persönlich bedeutet Trost Dasein, Liebe und Erinnerungen.

Warum setzt sich eine so junge Frau mit dem Thema Trost für Trauernde auseinander?
Es war mein eigenes Erleben von Tod, Trauer und Trost. Vermutlich wäre dieses Thema ohne meine persönlichen Erfahrungen sonst nichts, womit ich mich freiwillig so intensiv beschäftigen würde.
Ich war gerade hochschwanger, als mein Mann die Diagnose Krebs erhielt. Als unser Sohn neun Monate alt war, starb mein Mann. Mit 31 Jahren war ich plötzlich alleinerziehende Witwe und in ein Leben geschmissen, das ich überhaupt nicht gewollt hatte. Nach den ersten Wochen des Schocks, die man gefühlt wie im Autopilot über die Runden bringt, ging bei mir danach eine Art dreigeteiltes Leben los.
Das bestand zum einen aus der professionellen Welt, aus der „banalen“ Alltagswelt sowie aus der dritten (und für mich wichtigsten) Welt des Mutterseins. Nach ein paar Monaten ging es mir jedoch immer schlechter, körperlich wie emotional, und ich merkte, dass ich noch gar nicht richtig trauern und das Geschehene verarbeiten konnte. Ich hatte am Ende des Tages schlichtweg keine Zeit und Energie mehr dafür.
Das fühlte sich so falsch an, da ein inneres Gewicht immer stärker an mir zog, sodass ich mich entschloss, meine Arbeit zu kündigen, um mich bewusst mit meiner Trauer auseinanderzusetzen. Die beste Entscheidung, die ich in dieser Situation treffen konnte und genaugenommen auch der erste Schritt in Richtung TROSTKUNST. Denn bei der Trauerverarbeitung half mir in der darauffolgenden Zeit insbesondere das Schreiben. Ich schrieb Gedichte, hielt Unmengen kleiner Erinnerungsschnipsel über meinen Mann fest und begann mit der Arbeit an einem Briefroman. Das war zwar oft sehr schmerzhaft, aber eben auch geprägt von ganz viel Liebe, Freude und Stolz über unser gemeinsames Leben.
Für mich fühlte es sich an, als ob ich mit dieser schreibenden Erinnerungsarbeit einen Weg der inneren Heilung beschritten hatte. Und irgendwann war dann plötzlich der Gedanke da, andere Trauernde mit Worten und ihren ganz individuellen Erinnerungen auf ihrem persönlichen Trauerweg unterstützen zu können. Und so wurde ich zur „Trostkünstlerin“.

In Zusammenarbeit mit den Trauernden und unheilbar Erkrankten erarbeiten Sie Trauergedichte, Lebenssteckbriefe und Biografien. Darin steckt bestimmt eine Menge Arbeit. Worauf legen Sie besonderen Wert?
Besonderen Wert lege ich bei meiner Arbeit mit den Erinnernden auf Zeit, Empathie, Vertrauen und Authentizität.
Meine Aufgabe ist zwar das Dichten bzw. Schreiben, dennoch bin ich dafür zuerst einmal auf die Zuarbeiten der Trauernden angewiesen. Für die Gedichte sind es einige essenzielle Fragen, für die Lebenssteckbriefe sehr umfassende, speziell von mir entwickelte Fragebögen, die beantwortet werden wollen. Ich bestärke bewusst darin, sich beim Ausfüllen und Erinnern unter keinen zeitlichen Druck zu setzen. Es findet sich für alles die richtige Zeit. Man sollte mit dem Herzen dabei sein, aber auch die innere Kraft muss stimmen, dann können die Gedanken, Erinnerungen und natürlich auch die Trauer fließen. Und genau dann schreitet man auch wieder ein kleines Stückchen auf seinem persönlichen Trauerweg voran.
Empathie für mein Gegenüber ist aufgrund meiner eigenen Trauererfahrung immer in ganz besonderem Maß vorhanden. Ich merke, wie sich mir trauernde Menschen ganz anders öffnen. Wie oft habe ich schon gehört: „Sie wissen ja, wovon ich rede“, „Es tut so gut, mit jemandem darüber reden zu können, der das auch erlebt hat“.

Vertrauen, die allerwichtigste Basis bei der biografischen Arbeit.

Der Trauernde teilt viel von seinem Erlebten, seinen Gefühlen und seiner Zeit mit mir, da ist eine vertrauensvolle Verbindung auf Augenhöhe unabdingbar. So entstehen ganz individuelle Erinnerungsschätze. Das Ergründen und Festhalten der vielen kleinen alltäglichen Dinge, scheinbar Banales wie Essensvorlieben, der Name des Duschbads, beliebte Redewendungen oder Marotten sind bei der Erinnerungsarbeit wichtig, um ein ausgewogenes Bild des Menschen zu zeichnen – mit Ecken und Kanten eben – um ein authentisches Bild aus Worten erschaffen zu können.

Von Ihren drei Angeboten Trauergedichte, Lebenssteckbriefe, Biografien ist welches Ihr persönlicher Liebling? Warum?
Persönlich mag ich den Lebenssteckbrief am liebsten, weil da einfach ganz viel Herzblut drinsteckt.

Die Idee dazu kam mir, als ich irgendwann die tiefe Angst verspürte, dass immer mehr Erinnerungen an meinen Mann mit der Zeit verblassen und verschwinden würden. Ich fing an, alles aufzuschreiben, was mir einfiel. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Auf unzähligen Zettelchen, überall im Haus verteilt. Oftmals alltägliche „Nichtigkeiten“. Gedankenblitze, die ich 5 Minuten später schon wieder vergessen hatte. Als ich mir Monate später die Zettelsammlung zur Hand nahm, war ich über die geballte Wucht der Erinnerungen hin und weg. Mein Mann war durch die Erinnerungsschnipsel plötzlich wieder so lebendig geworden, in mir strömte so viel Liebe und Freude. Es fühlte sich wunderbar an. Aber ich stellte auch fest, dass ich viele der Erinnerungen vergessen hätte, hätte ich sie nicht aufgeschrieben.
Ich entwickelte ein Konzept um Trauernde auf eine Reise durch ihr Erinnerungsdickicht mitzunehmen. Gemeinsam mit meiner Grafikerin erarbeiteten wir ein visuell stimmiges Konzept, verbrachten viel Zeit mit dem Finden des perfekten Papiers, der richtigen Druckweise und eines guten Buchbinders.
Miterleben zu können, wie die Erinnerungsreise bei Trauernden gelingt, wie das Bild des geliebten Menschen immer komplexer und bunter wird, wie sich die Trauer der Erinnernden im Laufe unserer Zusammenarbeit wandelt, ich deren kleine Heilungsschritte wahrnehmen kann, sie nach Fertigstellung des Lebenssteckbriefes mir ihre große Dankbarkeit zeigen, all das macht mich glücklich. Und letztendlich freut mich sehr, dass meine Ideen nun Wirklichkeit geworden sind.

Sie stellen auch auf Messen Ihre Arbeit vor. Wie wird sie dort aufgenommen?
Sehr offen, interessiert und durchweg positiv. Ich bin selbst immer wieder erstaunt über die ehrlichen, bewegenden und interessanten Gespräche, die sich dabei ergeben, die Zeit, die sich die Besucher nehmen, um mir zuzuhören, nachzufragen, Leseproben zu lesen. Schon mehrmals zeigten sich Besucher von meinen Trauergedichten so berührt, dass ihnen die Tränen kamen und sie daraufhin anfingen, mir von ihren eigenen Trauererfahrungen zu erzählen. Solch ein direktes Feedback tut gut! Auch der Kontakt mit Fachbesuchern ist sehr wertvoll – manchmal entstehen gemeinsame Projekte, man tauscht sich aus, kann Neues kennenlernen und dazulernen.

Welches Ihrer Auftrags-Projekte hat Sie besonders berührt?
Das war ein Lebenssteckbrief „Die kleinen Dinge“, den eine ältere Dame für ihren verstorbenen Mann bei mir in Auftrag gegeben hat. Schon unser Kennenlernen war besonders. Sie las über mich und mein Angebot in einem Zeitungsartikel, war so begeistert davon und fühlte sich meinem Schicksal verbunden, dass sie mich sofort kontaktieren wollte. Leider stand in dem Artikel keine Telefonnummer, Internet besaß die Dame nicht und so rief sie mehrmals in der Redaktion an, um meine Telefonnummer herauszufinden. Als sie diese hatte, meldete sie sich trotz Feiertages direkt bei mir. Was für ein Einsatz. Unser erstes Treffen verlief dann auch sehr herzlich, es folgten unzählige Telefonate, wir lernten uns beide besser kennen, in ihrer intensiven Trauer wurde ich eine Stütze für sie, die Beziehung wurde immer persönlicher. Unser Kontakt besteht noch immer. Wir nehmen am Leben des anderen teil. Ganz aktuell freue ich mich sehr für sie, da sie unerwartet einen neuen Mann kennengelernt hat und mir nun von ihrer Verliebtheit im hohen Alter erzählt, gleichzeitig aber auch von ihrer verwandelten Trauer und den Trost, den sie empfindet, wenn sie im Lebenssteckbrief ihres verstorbenen Mannes nachliest.

Sie haben ein neues Projekt in Angriff genommen: Besondere Trostkarten behandeln Tabu-Themen in unserer Trauerkultur. Eine Karte durfte ich schon in Händen halten und war über die hochwertigen Materialien angenehm überrascht. Warum Trost-Karten zu Tabu-Themen?
Das freut mich, dass Ihnen die Karte gefallen hat. Ja, das neue Projekt nennt sich „Edition TROSTKUNST“. Es sind hochwertige Karten mit Trauergedichten. Ich greife dabei Themen, die in der breiten Öffentlichkeit noch immer tabuisiert werden, wie Sternenkinder, verwaiste Eltern oder Suizid, auf.
Betroffene befinden sich durch ihr Erlebtes bereits in emotionalen Extremsituationen- Sie leiden darunter, nicht offen darüber reden zu können. Auch werden „normale“ Trauergefühle thematisiert, denn auch hier fehlen Betroffenen und ihrem Umfeld häufig die Worte. Meine Karten sollen als eine Art Bindeglied zwischen Betroffenen und ihrem Umfeld fungieren und zum Dialog einladen.
Um den gefühlten Schmerz der Betroffenen in eine schöne Form mit poetischem Inhalt „umzuwandeln“ lege ich bei der Gestaltung der Karten großen Wert auf Materialien, die der Hand und dem Auge wohltun, wie auch auf stilvolle, aussagekräftige Illustrationen aus der Hand der Designerin Michaela Wollschläger.
Die erste Karte aus der „Edition TROSTKUNST“ ist dieWeihnachtskarte „Oh du Hoffnungslose“. Für jeden akut Trauernden eine gefürchtete Zeit. Trotz allem möchte er vielleicht Weihnachtsgrüße verschicken, kann sich aber mit den klassisch-harmonischen Weihnachtsmotiven nicht identifizieren und weiß andererseits auch nicht, was er in seiner Trauersituation eigentlich schreiben soll. All jenen ist diese Karte gewidmet.
Mit viel Interesse werde ich das Erscheinen weiterer Karten der „Edition TROSTKUNST“ beobachten.

Ich danke Anja Plechinger für dieses Interview. Durch die Geburt ihrer Tochter hat sie in den letzten Monaten das Glück erneut in Händen halten können . Herzlichen Glückwunsch!

Wie finden Sie die Ideen, die hinter TROSTKUNST stehen? Oder kennen Sie die Arbeit von Anja Plechinger bereits? Berichten Sie mir davon.

Ihre
Margarete Rosen

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2 Gedanken zu “TROSTKUNST – heilsame Trauerverarbeitung

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