Spieglein, Spieglein!

Spieglein, Spieglein
von Corinna Antelmann und Lukas Vogl

Ein Spiegelbild mit Eigenleben!

Den Spiegel umranken viele Mythen. Einige kenne ich noch aus meiner Kindheit: Ein zerbrochener Spiegel bringt sieben Jahre Unglück. Nur der Eitle hält den Spiegel in der Hand. Polanskis Vampire konnten sich darin nicht sehen. Jedes Mädchen bekommt einen Spiegel geschenkt, jeder Junge überprüft darin sein Äußeres. Wer die Wahrheit sehen will, schaut in einen Spiegel. Viele dieser Aspekte sind im neuen Buch „Spieglein, Spieglein“ von Corinna Antelmann zu finden.

Ein junges Mädchen ist sich sicher: Ihr Spiegelbild ist ein verlogenes Ding. Es hat ein Eigenleben und schaut sie immer an, wenn sie selbst weg sieht. Langsam baut sich die Ablehnung zur Wut auf. Bis das Mädchen den Spiegel berührt … und hindurch greift. Es tritt in die Spiegelwelt und findet sich in einer wohlvertrauten und doch fremden Umgebung wieder. Durch diesen Seitenwechsel geschieht auch ein Perspektivwechsel. Langsam nähern sich Mädchen und Spiegelbild an. Aus Ablehnung wird Akzeptanz, aus Wut das Gefühl von fröhlicher Ausgelassenheit.

Dass die Angst vor dem Anderen, dem Unbekannten,
in eine Akzeptanz des Anderen wandeln kann –
das erzählt diese Geschichte.
Zitat: Corinna Antelmann

Lukas Vogl hat diese Geschichte bildgewaltig umgesetzt. Zuerst dachte ich an einen Comic der 1990 Jahre. Independence und provokativ. Doch gerade dieser Stil lässt die Geschichte leben, bringt unausgesprochen viele Aspekte und neue Betrachtungsmöglichkeiten mit sich.

So wird „Spieglein, Spieglein“ zu einer runden Geschichte aus minimalistischem Text und bildgewaltiger Illustration.

Interview mit Corinna Antelmann

Ich habe bereits „Saskias Gespenster“ von Corinna Antelmann vorgestellt. Das Buch hat mir übrigens sehr gut gefallen. Da ich immer auch an der Entstehung eines Buches interessiert bin, bat ich die Autorin wieder um ein Interview.

Liebe Frau Antelmann, wie sind Sie auf die Idee gekommen eine Spiegelgeschichte zu schreiben?

Der Spiegel ist ein Motiv, das mich bereits während meiner Studienjahre an der Universität Hildesheim faszinierte. Der Blick in den Spiegel ermöglicht es, „das Sichtfeld auf ein Ungewohntes zu erweitern oder, im Sinne der Selbsterkenntnis, den Menschen dazu zu bewegen, über die Reflexion in die Introspektion zu gehen“, wie es in meinem Roman Drei Tage drei Nächte heißt.
Sie sehen, das Motiv ist immer da.

Meine Diplomarbeit schrieb ich dann zu dem Thema Das Subjekt im problemgeschichtlichen Kontext des Doppelgängermotivs und drehte begleitend den im Buch erwähnten Kurzfilm mit Alexandra Mauritz, der die Infragestellung des Subjekts und die Beziehung von Original und Abbild anhand der Geschichte der Protagonistin Elle (ellE) erzählt – eine akademische Auseinandersetzung mit dem Subjektivitätsbegriff, in die zahlreiche Zitate eingeflossen sind: von ETA Hoffmann bis Jorge Borges, deren Gedanken noch Teil der nun vorliegenden Geschichte sind. Erst jüngst kam dann die Idee, das Grundsujet für ein Bilderbuch zu nutzen. Schließlich: Welches Kind versucht nicht, sich zu ergründen und sich der Einmaligkeit seiner Existenz zu vergewissern?

Sie danken im Buch auch Ihrer Freundin und Co-Regisseurin Alexandra Mauritz. Gemeinsam haben sie den Film „Die Doppelgängerin“ gedreht. Ist der Film die Vorlage zum Buch und kann man den Film anschauen?

Das Thema unseres Films hat mich nie losgelassen, und so habe ich in späteren Jahren eine Erzählung auf Grundlage des Drehbuchs geschrieben, bis ich quasi zurückgegangen bin zu dem Publikum, deren Entwicklung von Identität in der Persönlichkeitspsychologie anhand des Spiegels beschrieben wird: Kinder. Ich glaube, sie kennen das Spiel mit der Möglichkeit, den Spiegel durchschreiten zu können und sich selbst gegenüberzutreten. Und auch den Wunsch, das Andere zur Sprache kommen zu lassen. Furchtlos.

Der Film wurde damals auf U-Matic gedreht, ein Format, das sich längst überholt hat, aber wir digitalisieren das Videosignal zurzeit – allerdings mehr zum Zwecke der persönliche Erinnerung als zur öffentlichen Vorführung.

Ich muß gestehen, dass ich das Buch mehrmals gelesen und die Bilder intensiv betrachtet habe. Erst nach mehrmaligem Betrachten erschloss sich mir der Sinn der Geschichte. Die Geschichte ist sehr real und gleichzeitig sehr surreal, was durch die bildgewaltigen Illustrationen unterstützt wird. Was wollen Sie mit dem Buch bewirken?

Gerade in der heutigen, visuell geprägten Zeit sind wir überall mit der Frage konfrontiert, wie andere uns wahrnehmen, also der Blick von außen uns konstituiert. Aber nicht der Blick von außen macht uns zu dem, was wir sind, sondern die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis im Sinne der Erkundung, von der bereits die Rede war, und auch dafür steht das Motiv des Spiegels.

Spieglein, Spieglein
von Corinna Antelmann und Lukas Vogl

Im sogenannten Spiegelstadium, wie es von dem Psychoanalytiker Jacques Lacan beschrieben wurde, geht die Entwicklung des Ichs bei kleinen Kinder mit dem Blick in den Spiegel einher. Aber wer ist dieses Ich? Ein Konstrukt, mit dem wir zu spielen lernen können. Deshalb geht es in Spieglein, Spieglein auch um die Aussöhnung der verschiedenen Ich-Identitäten. Dass sich die zunächst etablierte Infragestellung der Protagonistin dahingehend auflösen darf, eben nicht infrage gestellt, sondern erweitert zu werden, also viele sein zu dürfen, war und ist das große Anliegen der Auseinandersetzung mit dem Spiegelmotiv, wie Alexandra Mauritz und ich sie betrieben haben.

Und da zudem das Verhältnis von Original und Abbild thematisiert wird, wünsche ich mir, dass Kinder durch das Buch angeregt werden, sich intuitiv mit dem Begriff der Einzigartigkeit auseinanderzusetzen. Es ist keine Reproduktion von etwas Vorhandenem, die hier stattfindet, sondern ein Hinzufügen. Eine neue Facette. Eine Begegnung mit sich selbst. Die Überwindung eines beengten (und womöglich patriarchalen) Subjektgedankens.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Illustrator Lukas Vogl? Haben Sie sich den Illustrator selbst aussuchen können?

Der Verlag hat mit Lukas Vogl eine, wie ich finde, ausgezeichnete Wahl getroffen. Er hat meinen Text in Bilder umgesetzt, die ganze Textpassagen obsolet werden lassen haben (natürlich in Absprache), was zum einen zeigt, dass der Text imstande war, diese Bilder hervorzurufen (die kurioserweise wieder an den Film erinnern, den Lukas nicht kennt), und zum anderen, dass der von ihm gewählte Zeichenstil in der Lage ist, die Vielschichtigkeit, den Gang durch die emotionale Tal- und Bergfahrt nachzu“zeichnen“ und beim Betrachten neu entstehen zu lassen. Die Gothic-Atmosphäre passt für mich grandios zum Text und zu der ja doch auch unheimlichen Stimmung, wie sie in allen Spiegelgeschichten der Literaturgeschichte erzeugt wird, denn: Wer möchte schon von seinem Abbild infrage gestellt werden? Niemand. Aber dass die Angst vor dem Anderen, dem Unbekannten, in eine Akzeptanz des Anderen wandeln kann – das erzählt diese Geschichte.

Liebe Frau Antelmann, vielen Dank für die ausführlichen Antworten, die mir einen weiteren Aspekt des Buches offenbaren: den Blick auf das/den Andere/n und das Andersein in mir. Deshalb nehme ich dieses Buch gerne in meinen #Yesmian-Reigen für ein besseres Zusammenleben auf.

Spieglein, Spieglein
Corinna Antelmann
Lukas Vogl
Foto: Tyrolia Verlag

Spieglein, Spieglein
Autorin: Corinna Antelmann
Zeichner: Lukas Vogl
Tyrolia Verlag
2019

Fazit: Das Buch bietet Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die mit ihrem Spiegelbild spielen möchten, eine hervorragende Plattform.

Ich spreche gerne eine Empfehlung aus sich in diesem Buch zu verlieren und auf gänzlich andere Weise neu zu finden.

Deine
Margarete Rosen

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Eine kleine persönliche Anmerkung:
Ich stelle auf meinem Blog gerne Bücher, Arbeitsmaterialien, Personen zu verschiedenen Themen vor, weil ich überzeugt bin, dass das Buch / die Arbeitsmaterialien / die Arbeit einer Person gut ist. Oft ist ein Interview mit der/dem AutorIn dabei. Dies mache ich vollkommen unendgeltlich und erhalte auch sonst keinen Vorteil daraus, außer dem Vergnügen mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Da ich dieses Buch hier vorstelle, kennzeichne ich, auf Grund der für mich unklaren Rechtslage in Deutschland, diesen Beitrag als Werbung. Ich verdiene an diesem Beitrag keinen Cent, sondern gebe nur meiner Meinung Ausdruck.

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